Vegetative Störungen und ihre Folgen

Wenn vegetative Störungen ein großes Thema sein sollen, dann müssen die damit einhergehenden Probleme auch bedeutend sein. Tatsächlich sind sie nicht nur bedeutend sondern in weiten Bereichen entscheidend für unser Leben. Das vegetative, auch autonom genannte Nervensystem unterhält nämlich enge Verbindungen zu  wichtigen Systemen und Zentren unseres Körpers. Auf diese Weise beeinflusst es hormonelle Regelkreise und beispielsweise die Ausschüttung von Adrenalin und Schilddrüsenhormonen. Das Vegetativum kommuniziert auch mit emotionalen Zentren und mit der Muskulatur. Zusätzlich  hat es direkte Einwirkungsmöglichkeit auf die Gefäße. Über die Emotionen hat es weiteren Einfluss auf unser Gefäßsystem. Sein Einfluss macht sich häufig in Form von Kältegefühlen an Armen und Beinen bemerkbar. Nicht zuletzt bei der Entstehung von Bluthochdruck spielen diese Vorgänge eine große Rolle. Damit sind vegetative Störungen auch das entscheidende Problem bei Stress.

Vegetative Störungen – Stress und Angst

Tatsächlich scheint Stress mittlerweile nicht nur in den gehobenen Führungsebenen sondern auch auf den unteren Dienstebenen angekommen zu sein. Schon als Sekretärin hat man gute Chancen auf eine erfolgreiche Burn-out-Karriere, ohne dabei von dem finanziellen Schmerzensgeld eines Managers getröstet zu werden. Vegetative Fasern sind überall im Körper anzutreffen und haben ein perfektes Netzwerk etabliert. Damit entgeht diesem Nervensystems nichts – im Guten wie im Schlechten. Entspannung wirkt beruhigend und mäßigend, auch gute Gedanken, Vertrauen, Liebe und religiöser Glaube. Diese wertvollen Güter wirken unseren ungünstigen Lebensumständen nicht immer hinreichend entgegen. Daher spüren immer mehr Menschen dieses unbestimmte, anfangs meist noch uneingestandene Gefühl von Nervosität, Unruhe und Angst, Lebensangst. Das Vegetativum sorgt dafür, dass deren Auswirkungen überall im Körper ihre Spuren hinterlassen.     

Vegetative Störungen am Bewegungssystem

Vegetative Unruhezustände sind uns allen vertraut. Manchmal empfinden wir sie als lästig. Häufig haben wir sie aber in gefühlsbetonten schönen Momenten auch schätzen gelernt. Alle deutlichen Veränderungen des vegetativen Aktivitätsniveaus werden als starke emotionale Zustände erlebt. Vegetative Instabilität hingegen beeinträchtigt die Lebensqualität erheblich. Sie wirkt sich  negativ aus auf die Bewältigung von Krisen, Krankheiten und Schmerzzuständen. Am Bewegungssystem vollzieht sich vegetativ-körperliches Erleben hauptsächlich in Form von Tonusveränderungen im Bereich der Muskeln und Faszien. Wir empfinden Verspannungen, Bewegungseinschränkung und Unwohlsein. Leider wissen wir diese Funktionsstörungen oft nicht richtig einzuordnen.

 

Akupunktur und vegetative Störungen

Akupunktur ist mittlerweile ein fester Bestandteil der therapeutischen Landschaft in Deutschland geworden. Die allermeisten Therapeuten behandeln mit traditioneller chinesischer Akupunktur. Dabei setzt man eine Reihe von Nadeln am ganzen Körper. Praktischer und u.U. auch nachhaltig wirksamer ist ein modernes Akupunkturverfahren. Es kommt im Bereich der Ohren zur Anwendung und heißt Aurikulomedizin. Mit dieser Methode gelingt in erfahrenen Händen der Nachweis der Schmerzursachen. Natürlich will man eine anhaltende Verbesserung oder sogar eine Heilung der Beschwerden erreichen. Der Behandler sollte dazu den Hintergrund des Problems verstehen. Eine rein symptomatische Therapie reicht dazu nicht aus. Sie ähnelt einer Behandlung mit Schmerztabletten – obwohl auch diese natürlich manchmal unvermeidlich ist. Was könnte die häufigste gemeinsame Ursache von Schmerzen und Beschwerden aller Art sein? Ohne Zweifel sind das Funktionsstörungen des Vegetativums.  

Akupunktur behandelt viele Symptome gleichzeitig

Das vegetative Nervensystem verbindet viele Bereiche des Körpers miteinander  und hat auf all diese Bereiche auch erheblichen Einfluss. Störungen, Disharmonien dieses Systems wirken sich überall im Körper aus, auch in den emotionalen Zentren. Allerdings scheinen diese Symptome auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun zu haben. Die meisten Patienten glauben dementsprechend, sie müssten viele verschiedene Therapeuten aufsuchen. Es ist aber kein Zufall, dass so viele Menschen unter den unterschiedlichsten Beschwerden leiden. Die vegetative Funktionsstörung hat in den jeweiligen Körperbereichen ein sehr unterschiedliches Erscheinungsbild. Wenn man aber das Prinzip verstanden hat und über entsprechende Erfahrung verfügt, lassen sich mehrere körperliche und auch emotionale Problembereiche gleichzeitig mit Akupunktur behandeln. Dazu sucht man diejenigen Punkte auf, die den größten Einfluss auf die zu Grunde  liegende Problematik haben.

Wie Akupunktur vegetative Störungen heilen kann

Die Wirksamkeit der Akupunktur auf das Vegetativum ist in Teilen bereits erforscht. Insbesondere die Vernetzung der Ohrmuschel mit bestimmten Bereichen des vegetativen Nervensystems wurde wissenschaftlich bestätigt. Hier macht sich ein bestimmter Effekt der Nadeltherapie besonders positiv bemerkbar: die Abschwächung der körperlichen und seelischen Stimulation durch Adrenalin. Es ist bekannt, dass unsere Nebennierenrinde dieses Hormon bei  Stress vermehrt ausgeschüttet. Dauert dieser Zustand länger an, treten eine Vielzahl unerwünschter Wirkungen mit den entsprechenden Beschwerden auf. Es kommt  zu Unruhe und Angst, zunehmenden Schmerzen und letztlich zur Schmerz-Chronifizierung mit Ausbildung des gefürchteten Schmerzgedächtnisses. Die kluge Wahl wirksamer Akupunkturpunkte reduziert die Folgen der Adrenalinausschüttung und stabilisiert die körperliche aber auch mentale und emotionale Verfassung. Diese  Zustandsänderung wird oft bereits nach kurzer Behandlungszeit empfunden. 

Triggerpunkte – gibt es sie wirklich?

Gleich zu Beginn: ja es gibt sie. Aber Triggerpunkte sind mittlerweile schon auch Mode. Teilweise zu  Recht, sind doch mit dieser Anschauung wertvolle neue diagnostische und therapeutische Gesichtspunkte verbunden. Jeden Tag kommen Patienten in meine Praxis und berichten, dass sie unter diesen eigenartigen Triggerpunkten leiden. Was hat es damit auf sich? Zunächst die gute Nachricht: Triggerpunkte können tatsächlich Schmerzen auslösen und unterhalten. Darüber hinaus sind sie in der Lage, Schmerzen auch in andere Körperbereiche zu übertragen. So beispielsweise von der Nackenmuskulatur in den Kopf mit Auslösung eines sog. Spannungskopfschmerzes. Oder auch vom unteren Rücken ins Gesäß und von dort weiter in ein Bein. Jetzt die schlechte Nachricht: Triggerpunkte sind nur selten für sich allein ursächlich verantwortlich für die Schmerzen. Meistens, insbesondere bei den chronischen Fällen, sind sie Teil einer umfassenderen Problematik mit Beteiligung des zentralen Nervensystems.

Triggerpunkte und myofasziale Schmerzen

Triggerpunkte sind Bestandteil des myofaszialen Systems. Daher spricht man in aufgeklärten orthopädischen Kreisen mittlerweile immer häufiger vom myofaszialen Schmerzsyndrom. Damit ist ausgesagt, dass die Einheit von Muskeln und Faszien und ihrer durchgängigen Versorgung mit vegetativen Nervenfasern funktionsgestört ist. Das Miteinander der Systemkomponenten verläuft nicht harmonisch – am ehesten vergleichbar mit einer Software-Störung. Es ist also nichts „kaputt“, auch wenn das myofasziale Syndrom ganz erhebliche Schmerzen verursachen kann und viele Menschen in tiefer Verzweiflung zurücklässt. Natürlich ganz besonders dann, wenn die richtige Diagnose nicht gestellt wird, was leider immer noch außerordentlich häufig der Fall ist. Triggerpunkte sind also funktionsgestörte Teile von Muskelfasern, klein aber häufig gut tastbar, sofern sie in oberflächlicheren Körperbereichen liegen. Seltsamerweise spürt man sie meistens kaum, wenn sie nicht speziell gereizt werden. Für den Untersucher weisen sie allerdings meistens gemeinsame Merkmale auf, ohne dass man sich aber darauf verlassen kann.

Wie behandelt man Triggerpunkte?

Da Triggerpunkte häufig Teil einer Störung des myofaszialen  Systems sind, muss man zunächst alle Triggerpunkte lokalisieren. Danach gilt es herauszufinden, welche wichtig für das Beschwerdebild sind. Viele von uns haben sicherlich hin und  wieder myofasziale Funktionsstörungen. Nicht alle sind behandlungsbedürftig. Da die manuelle Verortung in tiefen Muskelschichten unzuverlässig ist, verwende ich regelmäßig die Techniken der Aurikulomedizin und der Stoßwellendiagnostik. Dadurch gewinnt man sehr zuverlässige Informationen über das gesamte Beschwerdebild. Die Behandlung erfolgt dann durch Akupunkturnadeln, Injektionen mit einem lokalen Betäubungsmittel oder vor allem auch durch die Stoßwellentherapie. Mit letzterer Technik lässt sich vor allem gut das gesamte Triggerpunkt-Netzwerk darstellen. Auf diese Weise wird der Patient endlich in die Lage versetzt, diese Punkte selbst zu spüren, was meistens vorher nicht möglich war. 

 

 

 

 

 

 

Du sollst nie Deine Mitte verlieren!

Deine Mitte, unsere Mitte, was ist das und warum dürfen wir sie nicht verlieren? Der Begriff der Mitte findet  übrigens in der traditionellen chinesischen Literatur häufig Verwendung. Da ist er sogar ein ganz zentraler Gedanke. Beispielsweise gibt es in der chinesischen Medizin auch Organe der Mitte. Der Magen ist ein solches Organ. Wir kennen doch eigentlich dieses Bauchgefühl und seine für unser Wohlergehen so wichtige Rolle. Wenn der Magen ein Problem hat, werden wir schwach und fühlen uns außerordentlich krank. Kurzum, wir verlieren unsere Mitte. Dementsprechend wäre diese also als etwas Organisches zu betrachten. Sie hat darüber hinaus jedoch auch einen ideellen, geistigen Charakter. Unsere Mitte entspricht der Vorstellung, dass wir, unser Selbst, vielleicht auch unsere Seele ein Zentrum haben, das geschützt werden muss. Die Idee dabei ist, dass wir einen Kern, einen Wesenskern besitzen, der uns stabilisiert und schützt.

 Was gefährdet Deine Mitte?

Du wirst es kaum glauben, aber Deine Mitte ist ständig in Gefahr. Sie leidet, wenn sie belastet wird durch körperlich oder geistig Unverträgliches. Dazu gehören falsche Nahrungs- oder Genussmittel ebenso wie ungünstige körperliche oder geistige Reize. Zu wenig oder zu viel Bewegung leert unsere Energiespeicher  ebenso wie Dauerfernsehen oder Dauerstreit. Letztendlich dürften Streitigkeiten und Stress zu den häufigsten und schwerwiegendsten Belastungsfaktoren der Mitte gehören. Darüber hinaus gehören auch schlechte Nachrichten, Misserfolge, unangenehme Erkenntnisse oder einfach alles, was unser Selbstbild in Frage stellt, zu den ganz großen Mitte-(Zer-)Störern. Schließlich sollten auch unsere Lieblingsideen und -Vorstellungen nicht unerwähnt bleiben. An ihnen hängen wir ganz besonders und verteidigen sie mit aller Macht. Wehe, wenn diese sich letztlich als wenig hilfreich erweisen.     

Wie wirkt sich ein Verlust der Mitte aus?

In körperlicher Hinsicht stellen die häufigen Magen-Darm-Probleme ein anschauliches Beispiel dar. Hier finden wir aber nicht nur Symptome wie Oberbauchbeschwerden Übelkeit, Verdauungsstörungen bis hin zu  körperlichem Verfall mit Leistungsunfähigkeit. Tatsächlich kann eine gestörte Mitte auch zu Wirbelsäulenbeschwerden, Verspannungen oder Kopfschmerzen führen. Vielleicht am häufigsten kommt es darüber hinaus jedoch zu emotionalen Störungen. Dazu gehören leichte Symptome wie Konzentrationsstörungen und Müdigkeit ebenso wie Momente starker Traurigkeit – beispielsweise beim unerwarteten Verlust eines geliebten Menschen. Die angeblich mittlerweile so häufige Lebensangst wäre demnach ein weiteres Symbol für die Gefährdung unserer Mitte.

Therapie der Mitte 

Was dringend zu beachten ist: wir alle brauchen möglichst viele gute, gesunde Dinge, die unsere Mitte stärken. Für die meisten dürfte das Familie und Beziehungen überhaupt sein, für manche auch der Sport,  ein gutes Buch, das Hobby oder ihre Religion. Natürlich tragen gute Unterhaltung und Gespräche sowie sinnvolles Engagement ebenso dazu bei, unser Innenleben zu stärken, unsere Seele zu streicheln. Gefühle von Geborgenheit und Anerkennung sind sicherlich Schlüsselemotionen für eine starke Mitte. Leider lässt sich diese aber auch durch Fehlanreize stimulieren. Alkohol, Zigaretten, übermäßiger Ehrgeiz sowie nicht zuletzt feindseliges Verhalten gegenüber Andersdenkenden haben scheinbar das Potential, uns vorübergehend zu stärken. Daher greifen viele häufig darauf zurück. Letztendlich führt jedoch nur eine langfristig stabile Mitte zur Ausgewogenheit unserer Systeme, insbesondere unseres vegetativen Nervensystems. Umgekehrt gilt das natürlich auch. Vegetative Systeme im Gleichgewicht sind ein Garant für eine stabile Mitte.   

 

Stoßwellen – Diagnostik und Therapie

Stoßwellen sind keine ganz neue Erfindung. Tatsächlich wurden mit dieser Methode in den 80er  Jahren in München erstmals Nierensteine zertrümmert. Erst später entdeckte die Orthopädie diese Technik auch für sich und setzte sie bei Kalkschulter, Tennisellenbogen und Sehnenproblemen im Fußbereich ein. Mittlerweile findet eine Menge Grundlagenforschung zu diesem Thema statt. Selbst die Wissenschaft interessiert sich für die zukunftsweisenden Effekte von Stoßwellen. Diese führen offenbar u.a. zu einer Beschleunigung von Stoffwechselvorgängen und einer verbesserten Mikrozirkulation im Bindegewebe. Eigentlich könnte man diese Vorgänge als Auflösung von Stauungserscheinungen beschreiben, die auch in der Muskulatur stattfinden. Bezeichnenderweise hat die traditionelle chinesische Medizin diesen Stauungsvorgängen – auch Stagnation oder Stase genannt – großes Interesse entgegengebracht. Ihnen wurde in der traditionellen chinesischen Literatur viel Raum gewidmet. Demgegenüber setzen wir in der westlichen Medizin zur Auflösung von Stauungen des Bindegewebes Massagetechniken oder Lymphdrainagen ein. Auch uns sind somit  die damit zusammenhängenden Probleme durchaus bewusst.      

Stoßwellen bei Schmerzen

Gerade bei chronischen Schmerzen kann es erstaunlich schwierig sein, den oder die Auslöser zu finden. Nicht selten führen viele Schilderungen der Betroffenen  in die Irre. Oft werden dabei Schmerzbereiche beschrieben, in denen der Schmerz zwar verspürt wird – ohne dass er aber auch von dort auch ausgeht. Hier kann die Stoßwellentechnik weiterhelfen. Mit ihrer Hilfe lassen sich die myofaszialen Problemzonen aufspüren und behandeln. Häufig handelt  es sich bei diesen Muskelbereichen um Triggerpunkte. Schließlich kommt ein besonders positiver Nebeneffekt dadurch zu Stande, dass der Patient während der Stoßwellendiagnostik vielfach erstmals seinen Schmerz wahrnimmt. Denn erst jetzt kann er den Muskelschmerz durch die Stoßwellenstimulation sicher lokalisieren. Das ist ein großer Fortschritt im Hinblick auf die weiteren therapeutischen Schritte. Es fördert in besonderer Weise die Mitarbeit und das Verständnis. Dieses ist ja angesichts der oftmals langjährigem, vergeblichen  Vorbehandlungen  nicht  immer leicht zu erlangen. Als Therapeut muss man manchmal ganz schön hart daran arbeiten.   

Wie helfen Stoßwellen bei Triggerpunkten?

Auch wenn zu Beginn der Behandlung deutliche Schmerzen am Triggerpunkt  auftreten können, so reduzieren sich diese üblicherweise im Therapieverlauf. Keineswegs ist es nötig die Patienten leiden zu lassen. Ein sinnvoller Technikeinsatz verhindert das weitgehend. Im Ergebnis wird das lokale Schmerzproblem immer unempfindlicher, man wird belastbarer. Auch die von den Triggerpunkten in die Peripherie übertragenen Schmerzen reduzieren sich. Allerdings sind für ein gutes Ergebnis oft auch flankierende Maßnahmen notwendig. Hingegen wird eine ausschließlich lokal durchgeführte Stoßwellentherapie vielfach nur einen unbefriedigenden Therapieerfolg ermöglichen. Vor allem ein anhaltend gutes Ergebnis  sollte neben der kurzfristigen Schmerzreduzierung das Ziel jeder Behandlung sein .   

 

Übertragungsschmerzen – wichtig!

Übertragungsschmerzen haben tatsächlich immer noch etwas Rätselhaftes, obwohl sie eigentlich sehr häufig vorkommen. Deshalb sollten wir sie unbedingt entschlüsseln, wenn wir in der Schmerztherapie nachhaltig erfolgreich sein wollen. Der eigentliche, ursprüngliche Entstehungsort von Schmerzen muss das Ziel unserer Suche sein. Glauben Sie nur nicht, dass man dazu einfach nur die Patienten fragen müsste. So einfach lässt sich unser zentrales Nervensystem nicht hinter die Karten schauen. Tatsächlich sind Schmerzen keine objektive Sinnesempfindung, die man sozusagen objektiv schildern, kommunizieren könnte. Im Gegenteil, sie werden von vielen Faktoren beeinflusst. So beispielsweise von unseren Lebenserfahrungen, Einstellungen, unseren Emotionen und natürlich ganz besonders vom Aktivitätszustand unseres vegetativen Nervensystems. Natürlich hat eine lokale Verletzung oder eine Überanstrengung einen eindeutigen Sinneseindruck zur Folge. Man kennt Schmerzursache und Ort. Das ist aber nicht immer so. Viele Schmerzen treten scheinbar einfach so auf irgendwo am Körper. Und keiner weiß warum und wieso gerade dort.      

Muskel-Triggerpunkte übertragen Schmerzen

Häufig entstehen Schmerzen nicht dort, wo sie wehtun, sondern werden von  einer weit entfernten myofaszialen Funktionsstörung verursacht. Wenn also das Bein schmerzt, kann der Gesäßmuskel die Ursache sein – und eben nicht der „Ischias“. Wenn Ihnen ein Spannungsgefühl im Kopfbereich zusetzt, sollten Sie immer nach Triggerpunkten im Nackenbereich suchen lassen. Während beim Kreuzschmerz alle nach Bandscheibenvorfällen fanden, entwickelt sich dieser demgegenüber viel häufiger durch einen Nervenreiz aus tief gelegenen Körperstrukturen. Schulter- und Armschmerzen sind weniger ein Problem des Schultergelenkes als vielmehr das Ergebnis einer Störung der Nackenmuskulatur und der Halswirbelsäule. Selbst scheinbare Gelenkbeschwerden  an Händen und Füßen entpuppen sich nicht selten als Muskel-Faszienprobleme. Allerdings muss man diese myofaszialen Problemzonen auch auffinden. Dazu sollten wir uns im Klaren sein über die Auslöser von Übertragungsschmerzen. 

Übertragungsschmerzen – eine zentralnervöse Sensibilisierung

Übertragungsschmerzen sind in gewisser Weise das Produkt einer Steigerung der Nervenempfindlichkeit. Eine derartige Sensibilisierung ist keineswegs eingebildet, sie ist leider ganz und gar unangenehm real. Zu allem Überfluss hat es der Körper so eingerichtet, dass die myofaszialen Auslöser der Übertragungsschmerzen selbst nicht oder kaum schmerzhaft sind. Das erschwert natürlich ihre Auffindung. Wie kommt es eigentlich zu diesen seltsamen Phänomenen? Daran beteiligt sind oft andauernde Schmerzreize oder all diejenigen Faktoren, die wir unter dem Begriff Stress zusammenfassen. Im strengeren medizinischen Sinne sprechen wir hier von anhaltenden Erregungen in emotionalen und vegetativen Zentren.  Die intensive Vernetzung dieser Nervensysteme mit dem Muskel-/Faszienbereich verursacht eine Absenkung der Reizschwelle. Schon kleine Störungen und Reize jeder Art lassen uns dann nicht nur „aus der Haut“ fahren. Tatsächlich führen sie darüber hinaus auch zu Beschwerden im myofaszialen System. Muskeln und Gefühle – ein großes Thema! 

Akute und chronische Schmerzen

Akute Schmerzen

Akute und chronische Schmerzen sollte man bei jeder Behandlung schon von Beginn an unterscheiden. Bereits die antiken Ärzte kannten den Unterschied. Der akute Schmerz existiert erst seit Stunden, Tagen oder wenige Wochen. Auch wenn akute Schmerzen oft deutlich intensiver sind, lassen sie sich vergleichsweise leichter behandeln als chronische. Sicherlich auch deshalb, weil eine Lokalbehandlung beim Akutschmerz sinnvoll und erfolgversprechend ist. Darüber hinaus mag das aber auch daran liegen, dass üblicherweise die Diagnose schnell und sicher zu stellen ist. Vor allem aber wirken beim Akutschmerz Medikamente besser, was in großen Studien eindeutig bestätigt wurde. 

Chronische Schmerzen   

Chronische Schmerzen werden immer zahlreicher, nicht zuletzt weil wir auch immer älter werden. Aber chronische Schmerzen machen uns noch älter. Sie behindern uns im jeder Hinsicht, unser Funktionsniveau sinkt dramatisch. Chronische Schmerzen treten oft viel unspektakulärer in Erscheinung, sie schleichen sich sozusagen ein. Es dauert lange, bis wir sie in ihrer ganzen Tragweite realisieren. Schmerzen nennt man chronisch, wenn sie nach drei bis sechs Monaten immer noch bestehen. Oder immer wieder – also episodisch – im Laufe der Jahre auftreten. Ein übrigens sehr häufiger Zustand, der nicht selten den Chronifizierungsprozess verschleiert. Manche Schmerzen chronifizieren nach einem konkreten Ereignis wie einem Unfall oder einer Operation. Häufiger jedoch treten sie spontan auf – nicht selten auch in unterschiedlichen Formen. Dadurch  unterschätzt man zunächst das ganze Ausmaß des Problems und  vernachlässigt sich therapeutisch. Im Nachhinein kommt das oft teuer zu stehen. 

Wie unterscheiden sich akute und chronische Schmerzen?

Beim Akutschmerz hat der Körper noch kein Schmerzgedächtnis entwickelt und reagiert prompt und zuverlässig auf die richtigen therapeutischen Maßnahmen. Darüber hinaus sind die Angaben der Patienten sind in der Regel deutlich hilfreicher. Die Umstände der Beschwerden sind konkreter im Gedächtnis und daher besser zu kommunizieren. Deshalb ist unter diesen Umständen im Normalfall auch eine vollständige Gesundung zu erwarten. Der Schmerz erfüllt hier noch seine Warnfunktion im besten Sinne. Er verweist auf eine akute Bedrohung, der wir uns sofort zu stellen haben.

Bei chronischen Schmerzen sind die Zustände weniger eindeutig. Schmerzarme Phasen wechseln sich mit verstärkten Schmerzempfindungen ab. Im Gegensatz zu akuten Beschwerden können sie in den meisten Fällen nicht durch bestimmte Belastungen, Positionen oder Bewegungen eindeutig provoziert werden. Das Beschwerdebild ist oft unbestimmter als bei akuten Schmerzen. Diagnostik und Therapie sind in der Regel weitaus schwieriger. Die Prognose ist fast immer schlechter, eine vollständige Heilung eher unwahrscheinlich. Chronische Beschwerden werden auch stärker durch äußere und innere Faktoren beeinflusst. Darunter versteht man beispielsweise klimatische oder emotionale Veränderungen. Oft werden chronische Schmerzen lebensbestimmend. Soweit sollten Sie es nicht kommen lassen. 

 

 

Stagnation, Stauung führen zu Krankheit

Eigentlich wollen alle, dass sich etwas tut in unserem Leben. Ja, wir wollen gerne bewegt sein. Langweilig soll es nicht sein, eher vielfältig, abwechslungsreich, nicht immer dasselbe. Leider passiert bei vielen Menschen etwa ganz anderes. Sie denken und tun meistens dasselbe, drehen sich um sich selbst. Natürlich muss das nicht das ganze Leben betreffen. Aber schon in Teilbereichen des Daseins hat das manchmal unangenehme Konsequenzen. Allerdings kann nicht nur geistige Unbeweglichkeit ein Problem sein. Auch mangelnde körperliche Bewegung ist bekanntermaßen ungünstig. Aber was ist daran so schlimm? Darüber hat erstaunlicherweise die traditionelle chinesische Medizin sehr viel nachgedacht und publiziert. Sie hat wichtige Begriffe geprägt, die dieses Phänomen beschreiben: Stagnation, Stauung. Möglicherweise wundern Sie sich jetzt, dass ich hier körperlichen und mentalen Flexibilitätsverlust gleichzeitig zum Thema mache. Das macht jedoch in der Tat viel Sinn. Aber was hat diese Stagnation mit Schmerzen zu tun? 

Stagnation, Stauung und Muskeln 

Die meisten von uns wissen: viele Beschwerden im muskuloskelettalen Bereich sind verursacht durch Blockaden. Was genau diese Blockaden eigentlich darstellen, dürfte den wenigsten klar sein. Die chinesische Tradition ist sich im Gegensatz dazu ganz sicher: es handelt sich um Stauungen, um Stagnation von Blut und Lebensenergie. Diese Stauungen sind oftmals Folge von mangelnder körperlicher und auch geistiger Beweglichkeit. Körperflüssigkeiten wie Blut, Lymphe und Bindegewebswasser müssen frei zirkulieren können, um alle Körperbereiche erreichen und versorgen zu können. Allerdings, geschieht das nicht in ausreichendem Maße, verschlechtert sich das Gewebsmilieu, der Austausch von Stoffwechselprodukten finden nicht mehr hinreichend statt. Krankheitserreger können nicht mehr schnell genug unschädlich gemacht werden. Muskeln verkrampfen und verkürzen sich. Faszien „verfilzen“ und werden unelastisch. Wirbelgelenke beginnen ihren normalen Aktionsradius zu verlieren und verklemmen. Das alles sensibilisiert die Nerven. Letztendlich haben wir dann tatsächlich ein Problem, ein schmerzhaftes Problem.

Wege aus der Stagnationsfalle

Es geht – eigentlich wie immer – um nichts geringeres als um Körper und Geist. Jeder weiß es: körperliches Training hat eine nicht zu überschätzende Bedeutung für einen lebendigen Stoffwechsel und eine störungsfreie Durchblutung. Verantwortlich dafür ist unter anderem die muskulären Vernetzung mit wichtigen emotionalen, hormonellen und entzündungshemmenden Zentren. Aber auch geistige Beweglichkeit ist ein hohes Gut, das  nicht vernachlässigt werden sollte. Anhaltende emotionale Störungen haben die Fähigkeit, in den myofaszialen Systemen unangenehme Fußabdrücke zu hinterlassen. Kein Wunder könnte man sagen, dass alle Welt massiert werden möchte. Wir sollten uns immer mal wieder frischen Wind um die Nase wehen lassen. Vielleicht auch einmal aus Richtungen, die uns eigentlich nicht so passen. Natürlich neigt man gerne zu Bequemlichkeiten besonderes im höheren Alter. Trotzdem, Beweglichkeit macht Spaß! Und sie verhindert eine Vielzahl möglicher Erkrankungen.

Nachhaltigkeit – immer der Königsweg

Nachhaltigkeit steht für dauerhaft, nicht nur vorübergehend. Also ohne dass immer wieder weitere Maßnahmen nötig sind, um ein Ziel zu erreichen. Genau so sollte eine Behandlung sein: heilend und nicht nur hilfreich, ursächlich und nicht nur symptomatisch therapierend. Leider ist unsere Medizin davon noch weit entfernt. Häufig weiß sie es nicht einmal. Daher kämpfen wir meist erfolglos mit  immer zahlreicheren chronischen Gesundheitsproblemen und vielen unerwünschten Nebenwirkungen. Natürlich spielt hier auch die steigende Lebenserwartung eine große Rolle. Allerdings scheint das Verständnis für die Bedingungen, die zu chronischen Krankheitszuständen führen, wenig ausgeprägt zu sein. Daher soll hier die Rede davon sein, unter welchen Voraussetzungen eine Therapie nachhaltig wirksam ist und wann nicht. Das betrifft Beschwerden aller Art aber insbesondere Schmerzen.  

Lokale Probleme

Wenn wir irgendwo Schmerzen haben, suchen wir nach einer Therapie, die sich am Ort des Problems orientiert. Man will das Missvergnügen an der Stelle XY, also beispielsweise am unteren Rücken, möglichst schnell und gezielt beseitigen. Und zwar genau da, wo es weh tut. Also schmiert man eine lindernde Salbe auf  die betroffene Körperstelle. Gerne wird dort auch eine Spritze genommen oder  eine entspannende lokale Massage.  Soweit so gut. Das funktioniert meistens auch. Vorausgesetzt, wir haben es mit einer erst kürzlich entstandenen Problematik zu tun. Es muss sich also um eine Störung handeln, die erst vor kurzem, gemeint sind hier einige Wochen,  am Schmerzort aufgetreten ist und dort ihren Ursprung, ihre Ursache hat. Beispiele: Beinschmerzen nach einem „Pferdekuss“ beim Fußballspiel, oder Halswirbelbeschwerden nach einer Verrenkung beim Einparken. Hier handelt es sich um lokale Probleme, die auch gut lokal behandelbar sind. Also keine Schwierigkeiten mit der Nachhaltigkeit. 

Systemprobleme: Ursache für mangelnde Nachhaltigkeit

Natürlich gibt es mehr als einen Grund für fehlende therapeutische Nachhaltigkeit. Die allgemeine körperliche Fitness wäre hier zu nennen oder auch eine seelische Verfasstheit, die möglicherweise einer systematischen, regelmäßigen Behandlung entgegensteht. Auch der Wunsch aller Patienten – meiner wäre es auch – nach einer möglichst schnellen Besserung der Beschwerden kann Nachhaltigkeit verhindern. Das ist oft dann der Fall, wenn immer nur kurzfristig wirkende Medikamente eingesetzt werden, beispielsweise Cortison oder Schmerzmittel. Die Beschwerden werden damit immer nur weggespritzt oder weggeschluckt, kommen dann aber wieder. Warum? Weil sie nur die Spitze eines Eisberges sind, den man nicht erkennt oder erkennen will. Der verborgene Eisberg stellt die Bezüge dar, den der Schmerz hat, sein Netzwerk.

Chronische Schmerzen – eine Softwarestörung

Dieses Netzwerk wird von den beteiligten Körperbereichen gebildet. Dabei  handelt es sich beispielsweise um Muskeln, Faszien, Nerven, Nervensystemen oder Wirbelgelenke. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von der Schmerzmatrix. Wir haben es damit mit einem Systemproblem zu tun – vergleichbar mit einer Software-Störung. Bei den Bezügen kann es sich um Verbindungen zu anderen Wirbelsäulenbereichen handeln, wo ebenfalls Störungen, Blockaden vorliegen. Oder einfach um die Tatsache, dass die Beschwerden schon seit längerem bestehen, also seit Monaten oder gar Jahren. Vielleicht sind sie in der Vergangenheit in einem immer leicht abgewandelten Erscheinungsbild aufgetreten, so dass man diese Bezüge nicht so ohne weiteres herstellt. Natürlich will man die ganze Angelegenheit ja auch möglichst niedrig hängen und redet sich dann so manches schön. Unter diesen Bedingungen muss eine Lokaltherapie versagen. Die therapeutische Nachhaltigkeit ist gefährdet.